6 Monate voller Leben – Projekte säen, Lächeln kultivieren, Verbindungen knüpfen, Träume wahr werden lassen

Autorin: Annalia Bodeo, Schweizer Freiwillige bei Consciente El Salvador,  Januar – Juli 2018 (SCI Schweiz)

Übersetzt von: Sales Hollinger (Link zur spanischen Version)

Ich erinnere mich noch an den Tag, als mir gesagt wurde, dass es in El Salvador ein ausgezeichnetes Projekt mit engagierten jungen Menschen und Träumer*innen gebe, die die soziale Realität durch die Vermittlung von kritischer und kreativer Bildung verändern wollen. Dadurch soll die lokale Jugend für die sozialen Probleme und Herausforderungen sensibilisiert und ein kritisches Bewusstsein geschaffen werden, das es ihnen ermöglicht, eine bessere Gesellschaft zu gestalten. Am Tag vor meiner Abreise war ich sehr aufgeregt und motiviert. Hier stand ich nun, allein mit meinem Rucksack und voller Lust auf Abenteuer – bereit, eine neue Sicht auf die Welt zu erhalten. Ich wollte wachsen, lernen und teilen. Ich wollte all mein Wissen und mein Wesen weitergeben, um den von Consciente El Salvador eingeschlagenen Pfad weiter zu gehen und neue Samen der Hoffnung zu säen.

Ich hatte schon einiges von El Salvador gehört. Dennoch wusste ich vor meiner Ankunft kaum etwas über dieses wunderschöne Land. So liess ich mich jeden Tag überraschen von seiner Kultur und seinen Menschen, seiner Natur und seinem Essen, seinen Werten, Bräuchen und Traditionen.

Januar: Begegnungen, Neuheiten – eine ganze Welt, die es zu entdecken, zu leben gilt. Die Eingliederung in das Arbeitsteam von Consciente; das täglich wachsende Lächeln; die Begegnung mit vielen jungen Menschen. Ich fand schnell meinen Platz, mein Zuhause, meine Familie, bei der ich mich wohl fühlte. Dank dieser jungen Menschen fiel es mir leicht, in die Realität von Morazán einzutauchen und die ganze Komplexität einer fremden Kultur mit ihrer Geschichte, ihren Werten und Bräuchen zu entdecken. Diese Erfahrung war faszinierend und erlaubte es mir, die Anthropologie, die ich ja studiert hatte, aus einer ganz anderen Perspektive zu erleben. Dank Erfahrungen wie dieser werden Horizonte und Grenzen aufgelöst und die Augen lernen, die Realität auf eine andere Weise zu sehen.

Februar: Es folgten Entdeckungen aller Art: gastronomische, geografische, menschliche und insbesondere solche zu meiner Rolle als Freiwillige bei Consciente. Darunter waren Begegnungen und handfeste Gespräche mit ehemaligen Guerilla-Kämpfer*innen, mit Frauen, die täglich unter der Kultur des Machismo leiden, und mit jungen Menschen mit einer schwierigen Vergangenheit – das war nicht immer leicht zu verdauen. Ich hörte diesen Menschen zu, die mir Erfahrungen ihres Lebens anvertrauten, die schwer zu meistern sind und einer entsprechend grossen Aufmerksamkeit verdienen, und fühlte mich ihnen sehr nahe. Ein Lächeln, eine Umarmung und ein fester Blick in die Augen. Aber warum so viele Barrieren, so viele Grenzen? Ich habe sofort gelernt, dass es keine Grenzen gibt. All diese Begegnungen haben mich tief beeindruckt. Angesichts der Ungerechtigkeiten eines dysfunktionalen Systems gibt es Empörung und kritisch denkende junge Menschen voller Energie und guter Absichten, voller Freude und Lebensgefühl. Für meinen Teil habe ich mich bemüht, meinen Aufenthalt zu einem Samenkorn des großen Baumes von Consciente werden zu lassen, der stetig wächst und mit der Zeit Früchte tragen wird.

Ich hatte nun auch allen Grund, mich zu engagieren und dabei zu helfen, ein Zeichen zu setzen im Kampf für sozialen Wandel den Aufbau von Wohlfahrt in der salvadorianischen Gesellschaft. Denn aus dem, was ich erlebte und beobachtete, aber auch aus den Erzählungen junger Menschen wurde mir bewusst, dass meine Hauptaufgabe darin bestehen würde, mit und für die Jugendlichen von Morazán, vor allem jene aus der Umgebung von San Francisco Gotera, zu arbeiten. Nun habe ich diesen Traum verwirklicht: Ich habe ein Projekt ins Leben gerufen, und dank der Unterstützung vieler junger Menschen konnten wir bereits mit der Arbeit beginnen. “Recre/accion” sollte einen Raum bieten für Begegnung und Austausch, für Unterhaltung, Freizeit, Sport und Entspannung, für kreative Aktivitäten und eine Zusammenarbeit, bei der Respekt und Geschlechtergleichstellung höchste Priorität geniessen. Bei all diesen Aktivitäten sollen die Bewusstseinsbildung und die Pflege einer kritischen Sicht auf die soziale Realität, schliesslich auch die Gewaltprävention im Vordergrund stehen. Nach und nach wurde die Idee konkretisiert und in die Praxis umgesetzt. Heute treffen sich jeden Samstag motivierte junge Menschen im Jugendzentrum INJUVE und schlagen Aktivitäten vor. Es erfüllt mich mit einer riesigen Freude! Ein Wassertropfen in einem Ozean, in dem es viele andere Tropfen gibt, die zusammen einen Unterschied machen können.

 

   

März: Im März hatte ich die Möglichkeit, als internationale Wahlbeobachterin zu amten, und während dieser Erfahrung erweiterte sich mein Horizont beträchtlich: Orte, von denen ich nicht einmal wusste, dass es sie in El Salvador geben könnte, Natur, Menschen, die in NGOs engagiert sind, politische Parteien, die sich sozial für den Umweltschutz und die Verteidigung der Menschenrechte einsetzen. Ich sah die Bemühung vieler Menschen, ein El Salvador zu schaffen, das für das Wohlergehen seiner gesamten Bevölkerung da ist. Warum dürfen einige so reich sein, während andere nicht genug zu essen haben? Warum ist die Frau immer noch diesem patriarchalischen System unterworfen? Warum gibt es so viel Korruption? Wo bleiben die Rechte der Frauen und Männer, der Jugendlichen, der Mädchen und Jungen? Fragen, die schwierig zu beantworten sind…. Ich entschied, dass ich die Antworten mit der nötigen Zeit finden würde und dass ich sie durch meine Freiwilligenarbeit bei Consciente und vor allem in meinem täglichen Leben mit Freunden und Menschen, die ich getroffen habe, in konkrete Handlungen umsetzen würde.

Es kam der Internationale Frauentag: Als Frau und als Teil des Consciente-Teams gingen wir hin, um auf der Straße Rechte einzufordern und die traurige Realität von Gewalt, Femizid und mangelnder Rücksichtnahme in der Gesellschaft anzuprangern. „Rechte, die nicht verteidigt werden, sind Rechte, die verloren gehen.” Dies gilt jederzeit; es war, ist und wird wichtig sein, sich für diese Rechte einzusetzen, um sie zu erhalten.

April: Ich habe mir den Sonnenuntergang am Strand angesehen. Bei dieser Gelegenheit, angesichts der Schönheit des Meeres und der wilden Natur, bestätigte sich von Neuem die Gewissheit, dass El Salvador ein schönes Land sei – nicht nur wegen seiner Natur, sondern vielmehr wegen der Herzen seiner Bewohner*innen. Ein Freund sagte mir, dass die Menschen hier von Hoffnung und Träumen leben, die sie jeden Tag zu verwirklichen versuchen. Die salvadorianische Bevölkerung, die ich getroffen habe, ist in der Tag großartig; dieses Land hat das Potenzial, aus dem Einfachen, dem Alltäglichen, dem Lokalen etwas Neues und Besseres zu erschaffen. Die meisten Menschen haben täglich viel zu kämpfen, doch sie tun dies mit einem unbändigen Feuer, das nie erlischt.

Ich war stets begeistert, tiefgründige Gespräche mit jungen Leuten zu führen, die schließlich gute Freunde von mir wurden. Sei es während meiner Arbeit im Büro oder der Vorbereitung von Workshops und anderen Aktivitäten, zwischen dem Besuch von Schulen und einer Partie Basketball, während eines Spaziergang in der Natur oder bei einem Lagerfeuer – wir teilen sehr viel miteinander. Niemand kann mir die fröhlichen Gesichter, das Lächeln und das Vertrauen nehmen, das mir jene Kinder, Jugendliche und Erwachsene schenkten, die ich auf meinem Weg kennengelernt habe und die mir so viele Fragen stellten, Witze machten und mir Geheimnisse anvertrauten – ein unvergleichlicher Reichtum.

Mai: Zwischen Italienisch-, Englisch- und Rechtschreibkursen haben wir alle viel gelernt, wir haben viel gelacht, wir haben uns konzentriert, und schliesslich haben wir es geschafft. Einmal mehr wurde mir auch bewusst, wie schwierig es war, die Rolle der Lehrerin zu übernehmen. Es war kein blosser Sprachunterricht, sondern eine Lehre über das Leben selber und ein Teilen unterschiedlicher Lebenswelten. Wir begannen, über teils schwierige und noch immer tabuisierte Themen zu sprechen. Ohne Angst und mit Zuversicht schafften wir es so, uns gegenseitig zu bereichern. Man hört nie auf zu lernen, nie.

Es gibt viele Arbeitsbereiche, die Consciente abdeckt, und das Leitmotiv „für eine kritische und kreative Bildung“ widerspiegelt sich jeden Tag in den Stipendien- und Bildungsprogrammen, dem Projekt “Portal Educativo” (CAL-IMPACT), den Bemühungen und der großartigen Arbeit des Teams und aller Kämpfer*innen für eine bessere Gesellschaft.

Juni: Noch nie in meinem Leben war die Zeit so schnell vorübergegangen. Ich denke, es war eine magische Zeit, in der wir starke Bindungen schufen, hart arbeiteten, Projekte ins Leben riefen, Lächeln pflegten und Träume wahr machten. Es war nicht einfach, sich zu verabschieden. Die Lebenswege trennen sich nach unterschiedlichen Richtungen, doch eines ist sicher: Ich habe meine Familie, meine Freunde, meine Aktivitäten, meine Lieblingsplätze, meinen Raum, mein Zuhause gefunden – und so habe ich einen Teil meines Herzens in El Salvador gelassen. Ich habe mich in die Natur und die Menschen verliebt. Sie fragen mich heutzutage: „Was hat dir an El Salvador am besten gefallen?“ Meine Antwort mag einfach erscheinen, aber sie geht sehr tief: Menschen zu begegnen, mit ihnen zu lernen und zu wachsen und all die wunderbaren Erfahrungen zu teilen – mit den Menschen El Salvadors mit ihren großen, demütigen Herzen. Vielen Dank an alle für dieses unglaubliche Erlebnis!

Ich bin Consciente und dem SCI (Service Civil International) sehr dankbar, dass sie es mir ermöglicht haben, eine so intensive Lebenserfahrung mit einzigartigen Farben und Geschmäckern zu erleben. Und ich bin wirklich fasziniert von der Arbeit, die Consciente weiterhin für das Departement Morazán und seine Bewohner leistet: eine unglaubliche Zusammenarbeit und Koordination zwischen der Schweiz und El Salvador, eine echte Familie! Wie Malala sagt: „Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und eine Feder können die Welt verändern.” Bildung ist die einzige Lösung. Los geht’s!

Autorin: Annalia Bodeo, Schweizer SCI-Freiwillige bei Consciente El Salvador,  Januar – Juli 2018

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